Im Sommer 1996 filmten wir Bewerbungs-Übungen,
Kurse, in denen man lernt, wie man sich für eine Anstellung bewerben soll. Wir
filmten Langzeit-Arbeitslose, denen die Wohlfahrtsbehörde die Teilnahme an einem
solchen Kurs aufgedrückt hatte und wir filmten Manager mit einem Zweihunderttausendmarks-Jahresgehalt,
die sich einen Privat-Coach leisteten so wie einmal die freien Bürger Athens
von einem Haussklaven in Rhetorik unterwiesen worden sind. Schulabgänger, Studierte,
Umgeschulte, Langzeitarbeitslose, ehemalige Drogenabhängige und Mittelmanager,
sie alle sollen lernen, sich selbst anzubieten und zu veräußern, wofür es den
Begriff Self-Managment gibt. Das Selbst ist vielleicht nur ein metaphysischer
Haken, an den die soziale Identität gehängt ist. Im Bewerbungsgespräch soll der
ganze Mensch erscheinen, nicht nur seine meßbare Eignung, die auf Papieren vorausgeschickt
wird. Der ganze Mensch fühlt sich angenommen oder verworfen. Es war Kafka, der
die Aufnahme in ein Arbeitsverhältnis wie den Eintritt in Gottes Reich darstellte
und auch, daß der Weg zu dem einen wie dem anderen ungewiß ist. Mit der größten
Unterwürfigkeit wird heute über eine Arbeitsstellung geredet, ohne daß dies eine
Verheißung wäre. Wie die Verlobung auf den Tag der Hochzeit und die Adventszeit
auf Christi Geburtstag sind die Bewerbungsübungen auch zur Einstimmung auf die
große Stunde gedacht. Ein wichtiger Augenblick ist schnell um und es gilt, ihn
in Vorwegnahme zu verlängern, die Empfindungen von Hoffnung und Furcht zur Blüte
treiben. Wir trafen eine Kursteilnehmerin, die schon ein halbes Dutzend solcher
Kurse mitgemacht hat. Sie wird wohl nie eine Arbeit finden, wenn man sie nicht
solche Kurse leiten läßt. (Harun Farocki)