Harun Farocki, Der Krieg findet
immer einen Ausweg in: Cinema: Essay, Jg.
50 Marburg 2005, S. 21 - 32
Es heisst in Brechts Mutter Courage: «Der
Krieg findet immer einen Ausweg.» Barbara Ehrenreich hat diesen Satz so
verstanden, dass der Krieg unvorstellbar erfindungsreich ist, wenn es um den
eigenen Fortbestand geht (Blood Rites. Origins and History of the Passion
of War, New York 1997). Selbst wenn ihn kein Mensch mehr wollte, wird er
versuchen, auf einem menschenleeren Schlachtfeld zum Automatenkrieg zu mutieren.
Ich spreche hier aus der Phantom-Perspektive des Krieges, aus einer vorgestellten
Kriegs-Subjektive. In den reichen Ländern wollen die meisten keinen Krieg.
Der Krieg ist so wenig nötig wie die Golddeckung unserer Zivilisation.
Man ist kurz davor, Feiertage einzurichten, an denen dem zivilisatorischen Äquivalent,
der Gewalt, gedacht werden soll. Die Kriege, die in letzter Zeit mit unvorstellbarer
Überlegenheit einer Seite - in Asymmetrie - geführt werden, sind die
rituelle Vorform dieses Feiertages. (Harun Farocki)
