Die erste Kamera in der Geschichte des Films war
auf eine Fabrik gerichtet, aber nach hundert Jahren läßt sich sagen, daß die
Fabrik den Film kaum angezogen, eher abgestoßen hat. Der Arbeits- oder Arbeiterfilm
ist kein Hauptgenre geworden, der Platz vor der Fabrik ist ein Nebenschauplatz
geblieben. Das Werkstor formiert die von der Arbeitsordnung vergleichzeitigten
Arbeiterinnen und Arbeiter, die Kompression erzeugt das Bild einer Arbeiterschaft.
Es ist augenscheinlich, wird aus der Anschauung gewonnen oder in ihr wiedergewonnen,
daß die durch das Werktor Tretenden etwas Grundsätzliches gemeinsam haben. Das
Bild ist nahe am Begriff, und deshalb ist dieses Bild zu einer rhetorischen Figur
geworden. Man findet diese in Dokumentationen, in Industrie- und Propagandafilmen,
oft mit Musik unterlegt und/oder Worten unterlegt, dem Bild ist ein Wortsinn
wie "Ausgebeutete", "Industrieproletariat", "Arbeiter der Faust" oder "Massengesellschaft"
eingetragen. Nachträglich, nachdem wir gelernt haben, wie Filmbilder nach Idee
greifen und von diesen ergriffen werden, nachträglich sehen wir, daß die Entschiedenheit
der Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter repräsentativ ist, daß die sichtbare
Menschenbewegung stellvertretend steht für die abwesenden und unsichtbaren Bewegungen
der Güter, Gelder und Ideen, die in der Industrie zirkulieren. Schon in der ersten
Bilderfolge wird die Hauptstilistik des Films begründet. Zeichen werden nicht
in die Welt gesetzt, sondern im Wirklichen aufgegriffen. Als teile die Welt aus
sich heraus etwas mit. (Harun Farocki) Farocki hat
ein Jahr lang Filme gesichtet, auf der Suche nach Variationen des Motivs 'eine
Belegschaft beim Verlassen der Arbeitsstelle: Belegstellen fanden sich in Dokumentar-,
Industrie- und Propagandafilmen, in Wochenschauen und Spielfilmen. Arbeiter
verlassen die Fabrik zeigt Bilder aus Filmen von Pier Paolo Pasolini, Michelangelo
Antonioni, Fritz Lang, Slatan Dudow, Klaus Wildenhahn, D.W. Griffith, Hartmut
Bitomsky und vielen anderen. Wir sehen Bilder von Streiks, von Auseinandersetzungen
zwischen Streikenden und Streikbrechern, von Räumungen und Fabrikbesetzungen,
wir begegnen der "industriellen Reservearmee", wir erleben Arbeitskämpfe, die
an Bürgerkriege erinnern und werden Augenzeugen eines dreisten Lohngeldraubes.
Dem Anspruch nach fragt das Sichten dieses Materials ein weiteres Mal nach dem
Quellenwert des Films für einen an der Sozialgeschichte interessierten Historiker.
Zugleich weiß man aber: "In der Wirklichkeit werden die sozialen Kämpfe meistens
nicht in oder vor der Fabrik ausgetragen." (Farocki, 1996). Was dann noch bleibt,
(nicht in der Wirklichkeit, sondern in der Filmgeschichte), sind die fiktiven
Bilder, die trotzdem, wider besseres Wissen, solche Geschichten der sozialen Kämpfe
erzählen. Reiht man diese Bilder aneinander, fügt sich dies vielleicht doch "zu
einem vergesellschafteten oder tatsächlichen Film" (ebd.) (Ulrich
Kriest)