Die Hand steht für Berührung das Kino aber muß
alle Sinneswahrnehmungen in Blicke umformen. Die erst Großaufnahmen der Filmgeschichte
richteten sich auf das menschliche Gesicht, die nächsten auf die Hände. Oft sollen
die Hände etwas verraten, was der Ausdruck des Gesichts verbergen will: etwa,
wenn die Hand ein Glas zerdrückt ohne daß im Gesicht Erregung abzulesen ist.
Obwohl die Hände auch ein Kennzeichen der Person sind, stellt das Kino doch kaum
je einen Menschen mit einem Blick auf die Hände vor. Wer und was ein Mensch ist,
das liest der Film im Gesicht ab, und dort sucht er auch nach der Seele. Für
die Hände bleibt da das Triebhafte. Die Hände sind wie die kleinen Leute: man
kann sie nicht recht von einander unterscheiden, sie tun ihre Arbeit und verstellen
sich nicht groß. Die gefilmte Hand fordert die Phantasie heraus, sie als ein
krabbelndes Tierchen aufzufassen. Es gibt ein ganzes Genre, in dem die Hand ihrem
Eigner den Dienst aufkündigt und sich selbständig macht. Hat sie sich losgemacht,
will sie Hälse würgen und wird zur Strafe gern festgenagelt, auf einem Klavier
etwa. Nun zappelt und zuckt sie und findet weniger Mitleid als eine Ratte. (Harun
Farocki) Seit Farockis Film Arbeiter verlassen die Fabrik aus dem Jahr
des hundertsten Geburtstags des Cinematographen 1995 (gemeint ist gewissermaßen
'der erste Film der Filmgeschichte': La sortie des usines..., den die
Brüder Lumière vor den Pforten ihres eigenen Betriebes gedreht hatten) existiert
die Idee des Filmemachers zu einem Projekt über 'filmische Ausdrucksweisen'.
Man kann dieses Unternehmen als den Beginn der sukzessiven Erarbeitung einer
Enzyklopädie filmischer Begriffe bezeichnen, eine Untersuchung von visuellen
Termini, die in über hundert Jahren Bewegungsbildtradition in variantenreicher
Vielfalt oder relativ konstant vorkommen. Sie lassen sich allein in der Form
einer Beispielsammlung, über eine vergleichende beschreibende Studie, eine filmische
Collagearbeit verständlich machen, also über die verschiedenen Formen des Gebrauchs,
im Kontext bestimmen. Als weiteres Ergebnis dieses 'filmterminologischen Lexikons'
kann der Der Ausdruck der Hände gelten. (3Sat, 1997)