Im Januar 2009 drehten wir zwei Tage lang in Fort Lewis, in der Nähe von Seattle, im
Bundesstaat Washington. Wir filmten einen Workshop in dem Zivil-Therapeuten
Armee-Therapeuten vermittelten, wie man mit Virtual Iraq arbeitet. Es geht um die
Behandlung von Soldaten und ehemalige Soldaten, die im Krieg traumatisiert
wurden. Die Immersions-Therapie lässt den traumatisierten Patienten das
Schlüsselerlebnis wiederholen, nacherzählen und nacherleben. Virtual Iraq , kurz VI,
ist ein Computer-Animations-Programm, mit dem die Immersion: das Eintauchen in
das Angst machende Erlebnis erleichtert oder verstärkt werden soll.
Die Einübung in das Verfahren wurde großenteils im Rollenspiel vermittelt. Dabei
sitzt der Therapeut am Computer, eine Freisprechanlage auf dem Kopf. Der Patient
sitzt oder steht daneben und trägt eine Datenbrille. Auf ihr wird das Programm von VI
abgespielt. Es gibt zwei Schauplätze, einmal eine Straße durch die Wüste, die in
einem gepanzerten Fahrzeug befahren wird, einmal eine orientalische Stadt mit
Markt, Moschee, weiten Plätzen und engen Gassen; auch mit Häusern, durch die
man navigieren kann. Die Navigation übernimmt der Patient, der Therapeut wählt
Zwischenfälle an. Er kann den Patienten in einen virtuellen Hinterhalt führen oder
zum Zeugen eines schrecklichen Attentats werden lassen. Dazu sind allerlei
Geräusche anwählbar, Hubschrauber, Muezzine, Explosionen aller Art.
Am zweiten Tag kam es zu einem Virtuosenstück. Einer der Zivil-Therapeuten in der
Rolle des Patienten erzählte von einem Patrouille-Gang durch Bagdad. Es war sein
erster Einsatz; er wurde einem Jones zugeordnet. Sie hatten den Auftrag, die
Straßen zu säubern, was hauptsächlich bedeutete, Propaganda-Plakate abzureißen.
Jones schlug vor, sie sollten sich trennen und je eine Straßenseite übernehmen. Das
war gegen den Befehl, aber sie taten es. Der Patient ging in einen Innenhof, da hörte
er eine Explosion. Er sah nach – nun begann er mit Abschweifungen. Die
Therapeutin, die die Therapeutin spielte, unterbrach ihn: was er da gesehen habe?
Der Therapeut, der den Soldaten-Patienten spielte: „Als ich da ankam, sah ich...dass
oberhalb seiner Knie nichts mehr war.“
An dieser Stelle sank er zusammen. Im Folgenden bat er mehrmals darum, die
Sitzung abzubrechen, er ertrage es nicht mehr. Die Therapeutin bestand auf
Fortsetzung. Er zögerte, stammelte, verhedderte sich immer wieder in umständlicher
Darlegung seiner damaligen Überlegungen und Selbstvorwürfe. Er spielte das so
überzeugend, dass Freunde von mir, denen ich erzählt hatte, dass wir ein Rollenspiel
gedreht hatten, wenn sie die Arbeit sahen, doch annahmen, hier werde eine selbst
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gemachte Erfahrung mitgeteilt. Auch der Presse-Offizier, der uns die Dreh-
Genehmigung erteilt hatte, nahm an, hier habe jemand wirklich die eigene Erfahrung
mitgeteilt.
Selbst wenn der Therapeut nur so gut spielt, weil er etwas verkaufen will, muss diese
Szene kein falsches Spiel sein. (Harun Farocki)