Farockis zehnminütiger Kurzfilm besteht aus Aufnahmen
von einem AFN-DJ bei der Arbeit (etwa ein Viertel des Films) und einer Autofahrt,
bei der entweder aus einem Auto gefilmt wird (durch die Windschutzscheibe oder
aus den Seitenfenstern) oder die Kamera den vorbeifahrenden Wagen festhält beziehungsweise
ihn verfolgt. [...] Während die sachliche Sprecherin (ihr kühler Stil ist das
genaue Gegenteil des High-Key-Radios, nämlich "belehrend und informativ") und
Song-Fetzen den Zusammenhang von Musik und Erinnerung erläutern, führen die (sich
beschleunigenden) Kamerafahrten in Remember vor, wie eng Autofahren und filmisches
Wahrnehmen einander verwandt sind. Musik im Radio, erläutert die ruhige Frauenstimme,
erzeuge Erinnerungen, die ein Geschenk des Radios sind, ein Programm, das sich
mit subjektiven Bedingungen füllt. Besonders beim Autofahren können Songs durch
tracking shots der vorbeiziehenden Landschaft "diegetisiert" werden, das heißt,
die Musik wird (meist ohne daß wir es merken) zum Soundtrack der eigenen Lebensgeschichte.
Dadurch, daß das Hitradio die Zeitspannen zwischen den Hörererlebnissen eindampft,
können keine Erinnerungen mehr assoziiert werden; die kommerzielle Musik signifiziert
nur noch sich selbst das hypertextuelle Potential des Pop tritt hinter die blanke
Benutzeroberfläche zurück. [...] In der Heavy Rotation laufen die Räder des Pop
leer, oder, wie Farocki es ausdrückt: AFN macht für nichts Werbung, gerade dadurch
ist er ein superkommerzieller Sender. Er macht für den Sound, für die Idee des
Kommerziell-Seins Werbung. Gleichzeitig erlebt der Musikkonsument die Gegenwart
durch stetige Beschleunigung der Rotation als Erinnerung (Songs aus den späten
Achtzigern werden von den Radios heutzutage bereits als Oldies behandelt): AFN
wiederholt ständig, macht aus dem Wiederholen Mögen und wenn man so will aus
der Gegenwart Ewigkeit. (Gero Günther)