Etwas wird sichtbar
- M: In diesem Film gibt es zwei
Dinge, die Liebe zwischen Anna und
- Robert und den Krieg in Vietnam.
- F: Das ist zunächst nichts Besonderes.
In jedem Kriegsfilm gibt es
- Liebe (allerdings nicht in jedem Liebesfilm Krieg). Das ist
eine Produ-
- zentenregel: wer sich für das eine nicht interessiert, hat
vielleicht noch
- was vom anderen. Ich habe diese Regel angenommen und Beziehun-
- gen zwischen dem Einen und dem Anderen gesucht. Ausgeschlossen
- war nur: die Liebe, das ist der Krieg, dieses metaphorische.
- M: Eine Beziehung ist: eine Weile
ist der Vietnamkrieg nahe. Man
- denkt jeden Tag an ihn. Dann rückt er wieder in die Ferne,
es bleibt
- nur ein Gefühl zurück, man habe etwas verloren, sich und den
Faden.
- Einen solchen Ablauf kennt man. So spricht man von einer Liebe,
aber
- kaum je von einem Krieg. Der Krieg wird also hier in die Terminologie
- der Liebe gefaßt, Wörter, die sonst nur auf die Liebe angewendet
- werden, auf den Krieg verwendet.
- F: Ich wollte es nicht parallel
machen, ich wollte nicht, daß das eine
- immer dann einspringt, wenn man mit dem anderen nicht weiterkommt.
- Ich wollte, daß die Liebe die eine Koordinate ist und der Krieg
die
- andere. Zwischen diesen beiden Koordinaten ist ein (tendenziell
unbe-
- grenztes) Feld. Das Feld der Vorstellung. Auf diesen bewegen
sich
- einige Dinge: Die Begriffe Trennen/Verbinden, die Frage, was
ein Bild
- sei, der Gegensatz von Maschinenarbeit und Handwerksarbeit.
- (Harun Farocki im Gespräch mit Rosa Mercedes,
BASIS Filmverleih,
- 1982)
- Auch Farocki verwendet Dinge gegen ihren Strich. Er inszeniert
- Theoreme, wodurch sich darstellt, daß Theorie auch deliriert
und
- Abstraktion auch Kunst ist und Hohn auf die Natur. Die Personen
des
- Films dialogisieren vermittels Sätzen und Ideen aus Büchern.
Das gilt
- als unfilmisch, weil für uns noch immer nur nach einem Modell
gefilmt
- wird, in dem die Illusionierung den Vorrang hat. Farocki favorisiert
nur
- eine andere, ebenso genuine Möglichkeit des Kinos. Die Montage
ist
- ein Mittel aktivierender Fiktion. Dann denken die Bilder.
- (Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung,
1. 08. 1982)