Mein Film Wie man sieht ist ein Spielfilm,
er hat viel Handlung. Er berichtet von Mädchen in Pornomagazinen, die einen Namen
bekommen, und von den namenlosen Toten im Massengrab, von Maschinen, die so häßlich
sind, daß eine Verkleidung das Auge des Arbeiters schützen muß, und von Motoren,
die zu schön sind, daß sie die Kühlerhaube verbirgt, von Arbeitstechniken, die
an der Zusammenarbeit von Hand und Hirn festhalten oder damit Schluß machen wollen.
Mein Film Wie man sieht ist ein Aufsatz- oder Essay-Film. Der gegenwärtige Meinungsapparat
ist ein großes Maul und vielleicht ein Reißwolf. Ich mache aus den Fetzen einen
neuen Text und veranstalte also eine Schnitzeljagd. Mein Film ist aus vielen
Einzelheiten und stellt unter ihnen viele Bild-Bild und Wort-Bild und Wort-Wort-Beziehungen
her und kann also einen Abend füllen. Ich suchte und fand eine Form, in dem man
mit wenig Geld viel hinstellen kann. (Harun Farocki)
Die Stabilität des Kapitalismus: das ist der Gegenstand von Wie man sieht. Nach
der Ära der gescheiterten Revolte besteht offenbar ein stillschweigender Konsens
darüber, die Stabilität des Kapitalismus, die deprimierendste Widerlegung aller
Theorien, die um 1968 sein Ende nicht als Zielpunkt, sondern als unanfechtbare
Prämisse gesetzt hatte, als gegeben hinzunehmen, sozusagen als historische Absurdität,
die man akzeptieren muß, mit der sich die Wirklichkeit gegenüber der Theorie
aber wieder einmal ins Unrecht setzt. Farocki ist damit nicht zufrieden. Er besteht
mit flexiblem Starrsinn darauf, daß die alten Fragen noch immer die richtigen
seien, daß man sie aber neu und anders stellen müsse. Die Stabilität des Kapitalismus
ist für ihn ein Untersuchungsgegenstand. Er untersucht ihn an Produkten wie den
Autobahnen, an Aggregatzuständen wie dem Krieg, an Relationen wie der zwischen
der Weberei und dem Rechnen, an der Pornographie, am Phänomen der Konversion:
Der Umstellung von Kriegsgüterproduktion zu der von Nichtkriegsgütern. Farockis
Untersuchung gibt keine Antworten; sie fordert auf, mit dem Fragen nicht aufzuhören.
(Klaus Kreimeier, epd Film, August 1987) Daß es
nicht immer ausreicht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, daß es etwas in den
Bildern zu entdecken gibt, wenn man nur intensiv aus ihnen herausliest, demonstriert
Farockis hintersinnig in seinem Wie man sieht betitelter Dokumentarfilm-Essay. Er handelt
mit geradezu naturwissenschaftlicher Akribie äußerst konkret von äußerst abstrakten
Zusammenhängen: zwischen Krieg und Brotarbeit, zwischen Drehbewegung und kontinuierlicher
Warenproduktion, der Kopplung von Werkzeug und Rechenmaschine, die bewirkt, daß
es nicht mehr auf Auge, Nase und Ohr des Arbeiters ankommt. Farocki zeigt Technikgeschichte
als politische Geschichte; in einem Verfahren, dem, wie der Philosoph Günther
Anders einmal schrieb, die "Einzelheiten mehr als das Ganze" sind. (Klaus
Gronenborn, Frankfurter Rundschau vom 22.11. 86)