Vom "Musée d'art moderne" in Lille beauftragt,
ein Video 'über seine Arbeit' herzustellen, hat Harun Farocki eine Installation
für zwei Monitore geschaffen, die während der Ausstellung "Die Welt nach der
Photographie" 1995 zu sehen war. Daraus ist der Film Schnittstelle entstanden,
der Farockis eigene dokumentarische Arbeit reflektierend der Frage nachgeht,
was es bedeutet, mit schon vorhan-denen Bildern zu arbeiten, statt stets wieder
neue, eigene Bilder herzustellen. Der Titel spielt mit der doppelten Bedeutung
des Wortes "Schnitt" und bezieht sich dabei sowohl auf den Arbeitsplatz des Filmemachers
Farocki, den Schneidetisch, als auch auf den Ort, an dem ein Mensch mittels Tastatur
und Maus einen Computer bedient, die "Mensch-Maschine-Schnittstelle". (3sat,
September 1995) Vielleicht geht es darum, die Bilder so auf Distanz zu
bringen, daß eine Frage neu gestellt werden kann, die sich leitmotivisch durch
Harun Farockis Filme und Videos zieht und sich schon in Filmtiteln wie Ein Bild
oder Wie man sieht gewissermaßen programmatisch formuliert findet: Was ist ein
Bild? Eine Frage, die Farocki seit langem an die ästhetische Veränderung der
Informationstechniken bindet und die heute mehr denn je auch das Kino betrifft.
Mit der Installation Schnittstelle wird ein wesentlicher Kern dieser Problematik
berührt, nämlich die Form der Organisation von Bewegungsbildern. Dies aus der
Sicht eines Autoren-(filmers), der sich heute mehr als Ingenieur, denn als Schöpfer
präsentiert: "Was am Schnittplatz geschieht, ist das einem wissenschaftlichen
Versuch vergleichbar?" (Christa Blümlinger) In Schnittstelle
versucht Farocki Bilder seiner eigenen Filme in historische Schichten aufzuspalten.
Die Bilder werden einem Prozeß der Relektüre ausgesetzt, und der Regisseur inszeniert
am Armaturenbrett der Kunst das durchaus nostalgische Bild vom letzten Menschen
mit 'Fingerspitzengefühl' gegenüber einer von Kontakt- und Näheverlust geschlagenen
Menschheit. (Lars Hendrik Gass, NZZ, 24.11.1995)