Stilleben
So wie die Malerei des 17. Jahrhunderts Dinge des Alltagslebens Speisen, Getränke, Tafelschmuck im Stilleben abgebildet hat, so werden heute in der Werbeindustrie mit einem großen Aufwand und hohen Grad an Spezialisierung Fotos von Waren produziert. Harun Farocki hat Fotografen in Frankreich, den USA und Deutschland in ihren Studios aufgesucht und sie tagelang mit der Kamera bei der Arbeit beobachtet. Es sind drei dokumentarische Sequenzen über das Arrangement einer Käseplatte, von gefüllten Biergläsern und einer wertvollen Armbanduhr entstanden. Dem gegenüber stellt der Autor in vier Blöcken einen essayistischen Text über die klassische niederländisch-flämische Stilleben-Malerei und verschiedene Beispiele aus europäischen Museen. (Zeughaus-Kino, 1998) Man sieht den Stilleben-Fotografen und ihren Teams gerne bei der Arbeit zu, weil sie eine konstruktive Arbeit tun. Sie bauen ein Bild auf, wie man ein Gerüst oder einen Kran aufbaut. Allerdings wissen wir, wie ein Kran aussieht, während die Fotografen ihr Ziel in vielen Anläufen und Teilschritten gewinnen und vergegenständlichen müssen. In Stilleben werden Ausführungen, bestimmte Thesen und ideentheoretische Implikationen zu diesem Akt des Gegenstände-Abbildens gemacht. Was bedeutet das, eine Welt der Gegenstände auszuhalten, sich auf Gegenstände zu orientieren usw.? Diese Blöcke von dokumentarischen Szenen stehen dem unkommentiert gegenüber, und die Hoffnung ist, daß man die Ideen der Kunstgeschichte auf die Werbung projiziert und die Unterschiede bemerkt, und umgekehrt solche Stilleben auch anders sehen kann, wenn man diesen merkwürdigen kultischen Aufwand, der bei diesen Produktionen an den Tag kommt, auf den heiligen Akt der Kunstrealisierung überträgt. (Harun Farocki) Die Komposition des Dokumentarfilms, dieses Hinundhergleiten zwischen Malerei und Werbephotographie, zwischen 17. und 20. Jahrhundert, entfaltet eine ureigene Magie. Erstens, weil waghalsig Jahrhunderte und Produktionsverfahren vorgestellt und zugleich übersprungen werden. Zweitens, weil Harun Farocki das Geschehen in den Photostudios puristisch, distanziert dokumentiert, oft vom stets gleichen Kamerastandpunkt aus, überdies die endgültigen Werbephotos uns Zuschauern nicht präsentiert. Drittens, weil er extrem isoliert. Die Arbeit von Werbephotographen (Aufbau der Sujets, Veränderungen, Besprechung der Photos usw.) gewinnt dabei durch die rein beobachtende Kamera etwas Unwirkliches, so als geschehe alles in einem Studierzimmer eines Weltraumlabors und nicht auf der Erde zum Ausgang unseres Säkulums. (NZZ, 31.08.97)