Worte und Spiele
Die neuen Produktionsanlagen für die täglichen Talk- und Game-Shows liegen an den Peripherien der Großstädte, in Unterföhring bei München an einer Verlängerung der Bahnhofstraße, die Medienallee benannt ist. Der wichtigste Rohstoff dieses Industriezweiges, der so neu ist, daß er seine Kosten und Extrakosten, Profite und Extraprofite noch nicht zuverlässig voraussehen kann, ist der Alltagsmensch. Der ist billig und will sich zur Erscheinung bringen, aber hat er einen Schauwert? Die Alltagsmenschen folgen einem Aufruf, der über Bildschirmtext ergeht, nach einer Vorauswahl werden sie von Producern und Betreuern in Scharen in Empfang genommen. Die Betreuer im Studentenalter erklären die Spielregel und üben den Auf- und Abtritt, erfragen und repetieren Lebensgeschichten. Sie sollen die täglich mehrfach umgeschlagenen Massen raffinieren, mit Engelssinn sind sie daran, ihnen etwas Ornament einzubleuen. Vor ein paar Jahren hätten sie einen Heil- oder Pflege-Beruf erstrebt. Jetzt lehren sie, wie man in die Kamera winkt und die nichtigste Erfahrung in deutliche Fertigsätze faßt. Sie geben belegte Brötchen aus und nehmen die Angst. So geht es auch im Dokumentarfilm zu und die Talkundgameshows sind die dokumentarische Produktionsidee in industrieller Form. Wenn das Kino Träume produziert, dann dieses Fernsehen Träumereien. Man hing ihnen früher nach, wenn man auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster auf den Hof oder die Gasse sah. Unbestimmte Empfindungen wallten auf und schwanden, hinterließen einen vagen Wunsch nach Wiederholung. Der gab ein Zauberwort ein, das sich nicht sprechen ließ und doch nachhallte... Das sind die Kriechströme des Bewußtseins. Sie sind kaum zu messen, oder: es gibt noch keine Geräte dafür. Diese Kommodifizierung der halbtoten Lebenszeit, wird sie helfen, die Träumereien festzustellen? (Harun Farocki) Daily Talk- und Daily Quizshows sind der letzte Dreck. Das ist nichts Neues – und die Behauptung letztlich genauso originell, wie Talk und Quiz genial zu finden. [...] Doch in Worte und Spiele sieht man's. Farocki mimt den stillen Beobachter, der auf eingesprochene Kommentare, Interviews, Dramaturgie und all das verzichtet, was den Zuschauer gemeinhin bei der Hand nimmt. Nur manchmal drängt sich ein wenig Klaviergeklimper über die Gesprächsmitschnitte oder in die Stille. Dennoch wird hier alles andere als bloß "beobachtet". Wer, wie Farocki, einfach nur draufhält, dreieinhalb Minuten (!) auf die Vera am Mittag, während ihre Gäste sich irgendwo außerhalb des Bildes in Rage reden; ihre An- und Abmoderationen ("...das meint auch mein nächster Gast. Ihr Freund leider nicht. Warum nicht, darüber reden wir gleich. PAUSE.") tonlos vom Telepromter abfilmt; wer die Kamera weiterlaufen läßt, nachdem Werner Schulze-Erdel mal wieder ein Familienduell hinter sich gebracht hat ("Tja, so kann man Geld verschenken!"), und abschaltet, wenn die Arabella-Aufzeichnung anfängt – so jemand hat anderes im Sinn als Kommentarlosigkeit; so jemand hat kein Mitleid, nirgends. Warum das so ist, erfährt der Zuschauer vielleicht im Abspann des Farocki-Films. "Musik: Markus Spies" steht dort. Und weiter: "nach Johannes Brahms Opus 121. Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh." (Christoph Schultheis, TAZ, 14.11.1998)